Am 12. März 2024 hat Google eine der drei Kennzahlen ausgetauscht, an denen es die Nutzerfreundlichkeit einer Seite misst. First Input Delay ist weg, Interaction to Next Paint hat den Platz übernommen. Für viele Seiten war das kein sanfter Übergang: Wer beim alten Wert grün war, steht beim neuen plötzlich im gelben oder roten Bereich.
Das liegt nicht daran, dass die Seiten schlechter geworden sind. Der neue Wert misst schlicht mehr.
Die Kurzfassung
INP misst, wie lange deine Seite braucht, bis sie auf eine Eingabe sichtbar reagiert. Unter 200 Millisekunden gilt als gut, über 500 als schlecht. Anders als der Vorgänger schaut der Wert nicht nur auf die erste Reaktion, sondern auf alle Klicks, Tipper und Tastendrücke während des gesamten Besuchs. Verantwortlich ist fast immer JavaScript, nicht der Server. Ein Hosting-Wechsel bringt hier deutlich weniger als das Aufräumen der Plugins.
Was INP misst, und was der Vorgänger gemessen hat
First Input Delay hat nur die Verzögerung bis zum Beginn der Reaktion auf die erste Eingabe gemessen. Was danach passierte, war egal. Man konnte also einen Wert von 20 Millisekunden haben und trotzdem eine Seite betreiben, bei der sich nach dem Klick auf das Menü eine halbe Sekunde lang nichts tut.
INP schließt diese Lücke. Gemessen wird laut Google die Zeit vom Beginn der Interaktion bis zu dem Moment, in dem das nächste Bild vollständig dargestellt ist. Der Wert setzt sich aus drei Teilen zusammen:
- Eingabeverzögerung: die Zeit, bis der Browser überhaupt beginnt, auf den Klick zu reagieren. Sie entsteht, wenn der Hauptprozess gerade mit etwas anderem beschäftigt ist.
- Verarbeitung: die Zeit, die dein JavaScript für die Reaktion braucht.
- Darstellungsverzögerung: die Zeit, bis das Ergebnis tatsächlich auf dem Bildschirm steht.
Beobachtet werden dabei nur drei Arten von Interaktionen: Klick mit der Maus, Tippen auf einem Touchscreen und das Drücken einer Taste. Scrollen zählt nicht mit, Bewegungen der Maus ohne Klick auch nicht.
Die Schwellenwerte
Google nennt drei Bereiche:
- bis einschließlich 200 Millisekunden: gute Reaktionsfähigkeit
- über 200 und bis einschließlich 500 Millisekunden: verbesserungswürdig
- über 500 Millisekunden: schlechte Reaktionsfähigkeit
Zum Vergleich die beiden anderen Core Web Vitals: Largest Contentful Paint soll unter 2,5 Sekunden liegen, Cumulative Layout Shift unter 0,1. Diese drei Werte sind es, die Google in der Search Console unter Nutzerfreundlichkeit ausweist.
Warum dein Bericht vielleicht gar keinen INP zeigt
Hier stolpern die meisten kleinen Firmenseiten. Die Core Web Vitals, die Google für die Suche heranzieht, stammen aus Felddaten: aus den anonymisierten Messungen echter Chrome-Besucher. Für diesen Bericht braucht eine Seite genug Besucher, sonst gibt es schlicht keine Daten.
Eine Kanzlei mit dreißig Besuchern am Tag bekommt in PageSpeed Insights deshalb oft die Meldung, dass für diese Seite keine ausreichenden Felddaten vorliegen. Das ist kein Fehler und kein schlechtes Zeichen. Es heißt nur, dass du einen anderen Weg zum Messen brauchst.
Ebenfalls wichtig: Der Laborteil von PageSpeed Insights und das Werkzeug Lighthouse liefern keinen INP. Im Labor klickt niemand, also lässt sich der Wert dort nicht ermitteln. Stattdessen wird Total Blocking Time ausgewiesen, eine Ersatzgröße, die zeigt, wie lange der Hauptprozess blockiert war. Ein guter Laborwert schließt einen schlechten INP im echten Betrieb nicht aus.
So misst du INP auf der eigenen Seite
- Installiere in Chrome die Erweiterung Web Vitals von Google.
- Rufe deine Seite auf und benutze sie so, wie ein Kunde es täte: Menü öffnen, Kontaktformular anklicken, Bildergalerie durchblättern, Sprache umschalten.
- Schau nach jeder Aktion in die Anzeige der Erweiterung. Sie zeigt den aktuellen INP an und wächst mit der langsamsten Interaktion mit.
- Wiederhole das auf dem Handy, am besten über die Remote-Verbindung zu einem echten Gerät und nicht nur in der Handy-Ansicht des Browsers. Mobilgeräte haben deutlich weniger Rechenleistung, und genau dort entstehen die schlechten Werte.
Wer es genauer braucht, bindet die offizielle Bibliothek web-vitals ein und schickt die Werte an die eigene Auswertung. Das lohnt sich aber erst, wenn eine Seite genug Verkehr hat, um Durchschnitte zu bilden.
Die häufigsten Ursachen auf WordPress-Seiten
Aus unserer Praxis, in der Reihenfolge, in der sie uns begegnen:
- Zu viele Plugins mit Frontend-Code. Jedes Plugin, das im Frontend etwas darstellt, bringt eigenes JavaScript mit. Zwanzig aktive Plugins bedeuten selten zwanzig Dateien, sondern eher vierzig.
- Werkzeuge, die im Frontend nichts verloren haben. Der Klassiker ist eine Medienverwaltung, die ihre Oberfläche auf jeder öffentlichen Seite mitlädt. Eine Einstellung abschalten, ein Dutzend Dateien weniger.
- Fremde Skripte. Chat-Fenster, Bewertungssiegel, Kartendienste, Tracking. Sie laufen im selben Hauptprozess wie deine Seite und blockieren ihn mit.
- Schwere Bausteine im Seitenbaukasten. Slider, animierte Zähler und Effekte beim Scrollen rechnen dauerhaft mit. Ein Slider auf der Startseite ist eine Entscheidung mit Preisschild.
- Riesige Menüs. Ein Mega-Menü mit hundert Einträgen muss beim ersten Klick aufgebaut werden. Das ist genau die Interaktion, die INP misst.
Die Reihenfolge beim Aufräumen ist immer dieselbe: erst zählen, was eine öffentliche Seite überhaupt lädt, dann jede Datei einem Zweck zuordnen, dann entfernen, was keinen hat. In der Konsole des Browsers genügt dafür eine Zeile:
performance.getEntriesByType('resource').map(r => r.name.split('?')[0]).filter(n => n.endsWith('.js') || n.endsWith('.css')).length
Bei einer schlanken Firmenseite liegt der Wert im niedrigen zweistelligen Bereich. Alles über fünfzig lohnt eine genauere Betrachtung.
Drei Eingriffe, die am schnellsten wirken
Skripte nur dort laden, wo sie gebraucht werden. Das Kontaktformular braucht sein JavaScript auf der Kontaktseite, nicht auf allen achtzig Seiten. Viele Plugins bieten dafür eine Einstellung, und wo sie fehlt, lässt sich das Laden gezielt einschränken. Das ist der Eingriff mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung, weil er nichts an der Gestaltung ändert.
Lange Aufgaben aufteilen. Wenn ein Klick eine Funktion auslöst, die eine Viertelsekunde rechnet, blockiert sie in dieser Zeit alles andere. Moderne Skripte geben zwischendurch die Kontrolle an den Browser zurück, damit er wenigstens schon einmal zeichnen kann. Das ist Entwicklerarbeit, aber sie schlägt bei Filtern und Suchfeldern direkt durch.
Fremde Skripte verzögern. Chat-Fenster und Bewertungssiegel müssen nicht beim Seitenaufbau starten. Sie können warten, bis der Besucher das erste Mal scrollt oder die Seite zwei Sekunden offen ist. Der Anbieter merkt davon nichts, der Besucher schon.
Was in dieser Liste bewusst fehlt: Bilder. Bildoptimierung ist richtig und wichtig, wirkt aber auf den Ladezeitwert und nicht auf die Reaktionszeit. Wer INP verbessern will und dafür Bilder komprimiert, arbeitet am falschen Ende.
Was ein besserer Hoster bringt, und was nicht
Ein schneller Server verkürzt die Zeit bis zur ersten Antwort und hilft damit beim Largest Contentful Paint. Auf den INP wirkt er kaum, weil alle drei Bestandteile des Werts im Browser des Besuchers entstehen. Der Server kommt nur dort ins Spiel, wo eine Interaktion selbst eine Anfrage auslöst, etwa bei einer Suche im Shop oder einem Filter, der Inhalte nachlädt.
Das ist die unangenehme Nachricht für alle, die sich vom Umzug auf ein teureres Paket eine Lösung erhoffen. Die angenehme: Das Aufräumen kostet kein Geld, nur Zeit. Und es wirkt sofort, ohne dass irgendwo etwas migriert werden muss.
Worauf du bei der Serverwahl trotzdem achten solltest, steht in unserem Beitrag zu Ladezeit und CDN.
Häufige Fragen
Ist INP ein Rankingfaktor?
Die Core Web Vitals sind Teil des Signals zur Nutzerfreundlichkeit und damit ein Faktor unter vielen. Ein guter INP hebt eine inhaltlich schwache Seite nicht nach oben. Ein schlechter kann bei sonst gleichwertigen Ergebnissen den Unterschied machen. Wer an der Sichtbarkeit arbeiten will, fängt bei den Inhalten an und nicht bei den Millisekunden, siehe unsere Seite zur Suchmaschinenoptimierung.
Mein Wert ist gelb. Muss ich sofort handeln?
Nein. Gelb heißt verbesserungswürdig, nicht defekt. Wichtiger ist die Frage, ob Besucher die Verzögerung bemerken. Eine halbe Sekunde beim Öffnen des Menüs merkt jeder, 240 Millisekunden beim Umschalten einer Bildergalerie fast niemand.
Hilft ein Caching-Plugin?
Beim Laden ja, beim INP nur, wenn es JavaScript zusammenfasst oder verzögert lädt. Diese Funktionen sind zugleich die, die Seiten am häufigsten kaputtmachen. Nach jeder Änderung an solchen Einstellungen gehört ein Durchgang über alle wichtigen Seiten, nicht nur ein Blick auf die Startseite.
Wer prüft das bei euch?
Bei Seiten mit Betreuungsvertrag gehört die Messung zum Sicherheitscheck dazu. Bei neuen Projekten messen wir vor der Übergabe, weil ein Wert nach dem Livegang niemanden mehr überraschen soll.