Arbeitsplatz mit Grafiktablett, Stift und einem Bildschirm, auf dem ein Layout mit Vektorformen und einem Foto nebeneinander liegt

Bild wurde mit KI generiert

Affinity ist kostenlos: Reicht das als Adobe-Ersatz?

Am 30. Oktober 2025 hat Canva die Design-Software Affinity neu herausgebracht: nicht mehr drei Programme, sondern eines, und kostenlos. Wer bisher rund 170 Euro für das Paket gezahlt hat oder monatlich für Photoshop und InDesign überweist, stellt sich seither dieselbe Frage. Reicht das?

Die kurze Antwort: für die meisten kleinen Betriebe ja, für einige Arbeitsabläufe nein. Der Unterschied liegt weniger in den Werkzeugen als darin, mit wem du Dateien austauschst.

Was genau passiert ist

Canva hat den britischen Hersteller Serif im März 2024 übernommen. Anderthalb Jahre später kam das Ergebnis: Die früheren Programme Affinity Photo, Affinity Designer und Affinity Publisher stecken jetzt in einer einzigen Anwendung. Statt zwischen Programmen zu wechseln, wechselst du innerhalb derselben Datei zwischen drei Bereichen, die Vektor, Pixel und Layout heißen. Das entspricht grob Illustrator, Photoshop und InDesign.

Die Anwendung gibt es für Mac und Windows. Eine Fassung für das iPad ist angekündigt, aber noch nicht da. Wer bisher auf dem Tablet gearbeitet hat, muss also vorerst bei den alten Programmen bleiben.

Was es kostet, und was der Haken ist

Der Preis ist null, und zwar dauerhaft und nicht als Einstiegsangebot. Zwei Einschränkungen gibt es trotzdem.

Ein Canva-Konto ist Pflicht. Ohne Anmeldung startet die Anwendung nicht. Das Hilfecenter formuliert es eindeutig: Für den kostenlosen Zugriff musst du dich mit einem verifizierten Canva-Konto anmelden. Danach läuft das Programm offline weiter. Wer grundsätzlich keine Konten bei Anbietern anlegt, hat hier ein Problem.

Die KI-Funktionen kosten extra. Generatives Füllen, Erweitern eines Bildes über den Rand hinaus, Freistellen per Knopfdruck: Das alles ist in der Anwendung sichtbar, aber an ein kostenpflichtiges Canva-Abo gebunden. Das ist nachvollziehbar, weil dahinter Rechenleistung steckt, sollte aber vorher bekannt sein. Ohne Abo bleibt eine vollständige Design-Anwendung ohne KI-Zusatz, was für den Alltag der meisten Betriebe reicht.

Und ein dritter Punkt, den man nicht übersehen sollte: Mit der Anmeldung gelten die zusätzlichen Affinity-Bedingungen und die Datenschutzrichtlinie von Canva. Das steht so im Hilfecenter. Wer mit Kundenmaterial arbeitet, sollte diese Bedingungen einmal lesen, statt sie wegzuklicken. Ich behaupte hier nicht, dass Canva Inhalte für Training verwendet, ich sage nur: Das ist die Stelle, an der es stünde.

Was mit deinen alten Lizenzen passiert

Nichts. Version 1 und Version 2 laufen weiter und lassen sich parallel zur neuen Anwendung installieren. Dateien aus Version 2 öffnen sich in der neuen Fassung, umgekehrt nicht. Wer also umsteigt und danach zurückwill, hat ein Problem mit den in der Zwischenzeit erstellten Dateien. Für einen laufenden Kundenauftrag bleibst du besser in der Version, in der du angefangen hast.

Wo es Adobe ersetzt

Für die Arbeiten, die in einem kleinen Betrieb tatsächlich anfallen, ist der Funktionsumfang seit Jahren ausreichend, und daran hat sich nichts geändert:

  • Flyer, Visitenkarten, Speisekarten, Preislisten, also alles mit Seitenlayout und Druckausgabe in CMYK
  • Logos und Signets als Vektorzeichnung, sauber skalierbar
  • Bildbearbeitung für die Website, Freistellen, Retusche, Farbkorrektur
  • Grafiken für Social Media in festen Formaten
  • Mehrseitige Dokumente mit Musterseiten und Verzeichnissen

Dazu kommt die Dateikompatibilität, die der Hersteller ausdrücklich bewirbt: PSD, AI, IDML und DWG lassen sich importieren, Ebenen und Struktur bleiben erhalten. In der Praxis klappt das gut bei einfachen Dateien und ungenau bei allem mit Effekten, eingebetteten Schriften und Verknüpfungen.

Wo es Adobe nicht ersetzt

Ehrlich bleiben lohnt sich an dieser Stelle, weil ein gescheiterter Umstieg teurer ist als das Abo.

Der Austausch mit Dienstleistern. Wenn deine Druckerei, deine Agentur oder dein Messebauer offene Dateien im Adobe-Format erwartet und daran weiterarbeitet, ist ein Export selten verlustfrei. Fertige PDF-Druckdaten sind dagegen unkritisch, die kann Affinity sauber erzeugen.

Adobe Fonts. Die Schriften aus dem Adobe-Abo hängen am Abo. Wer das kündigt, verliert die Schriften und damit möglicherweise das Erscheinungsbild seiner eigenen Marke. Vor dem Umstieg also prüfen, welche Schriften das Corporate Design vorsieht und ob sie gekauft oder geliehen sind.

Bewegtbild und Fotoverwaltung. Für Video und Animation gibt es keinen Ersatz im Paket, für die Verwaltung großer Fotobestände ebenso wenig. Wer mit Lightroom katalogisiert, findet hier nichts Vergleichbares.

Zusammenarbeit im Team. Gemeinsames Bearbeiten in Echtzeit, Kommentare und Versionsstände laufen bei Canva über die Weboberfläche, nicht in Affinity selbst. Für eine Einzelperson ist das egal, für eine Marketingabteilung nicht.

Eine Sache, die mir Bauchschmerzen macht

Ein kostenloses Werkzeug, das an das Konto eines einzelnen Anbieters gebunden ist, ist keine dauerhafte Garantie. Serif war ein unabhängiger Hersteller mit Kaufsoftware, jetzt gehört das Programm zu einer Plattform, die ihr Geld mit Abos verdient. Das muss nichts Schlechtes bedeuten, die Ankündigung spricht ausdrücklich von dauerhaft kostenlos. Aber wer heute sein gesamtes Corporate Design in das Dateiformat eines einzelnen Anbieters legt, sollte mindestens dafür sorgen, dass von jedem wichtigen Entwurf zusätzlich ein offenes Format oder ein Druck-PDF im eigenen Archiv liegt. Das ist derselbe Rat, den wir bei jedem Cloud-Werkzeug geben.

Wie ein Umstieg ohne Ärger abläuft

  1. Neue Anwendung installieren und die alte Fassung nicht deinstallieren.
  2. Eine bereits gedruckte Datei öffnen, exportieren und mit dem alten Druck-PDF vergleichen. Schriften, Farbprofil, Anschnitt.
  3. Diese Testdatei an die Druckerei schicken und um Rückmeldung bitten, bevor der erste echte Auftrag darüber läuft.
  4. Schriftenlage klären, siehe oben.
  5. Erst dann laufende Projekte umziehen, und auch dann nur solche, die nicht mitten in der Abstimmung stecken.

Und die anderen kostenlosen Werkzeuge?

Kostenlos war vorher schon möglich, nur eben verteilt. Zur Einordnung, weil die Frage regelmäßig kommt:

  • GIMP für Bildbearbeitung, Inkscape für Vektoren, Scribus für Satz. Alle drei sind freie Software, alle drei können viel, und alle drei bedienen sich spürbar anders als das, was in Betrieben üblich ist. Wer sie kennt, bleibt dabei. Wer neu anfängt, braucht länger.
  • Canva selbst ist etwas anderes als Affinity. Es arbeitet mit Vorlagen im Browser und ist stark, wenn schnell etwas Ordentliches entstehen soll. Es ist schwach, sobald es um exakte Druckvorgaben, eigene Farbprofile oder ein Erscheinungsbild geht, das nicht nach Vorlage aussehen soll.
  • Figma ist für Oberflächen gedacht, nicht für Druck. Für ein Plakat ist es das falsche Werkzeug, auch wenn es geht.

Der eigentliche Gewinn der neuen Affinity-Fassung ist deshalb weniger der Preis als die Tatsache, dass ein Betrieb jetzt ein einziges Werkzeug mit professionellem Druckausgang hinstellen kann, ohne eine Abo-Entscheidung zu treffen. Das senkt die Hürde für den Fall, der bei uns am häufigsten vorkommt: Jemand im Büro soll die Speisekarte oder das Preisblatt selbst anpassen können, ohne dafür jedes Mal die Agentur zu bezahlen.

Häufige Fragen

Ist das wirklich dauerhaft kostenlos?

So ist es angekündigt, und zwar nicht als Aktion. Belastbar ist eine Ankündigung trotzdem nur so lange, wie sie gilt. Wer darauf eine Betriebsentscheidung aufbaut, sollte einen Plan B im Kopf haben.

Brauche ich Canva, wenn ich nur Affinity will?

Du brauchst ein Canva-Konto zur Anmeldung, aber du musst Canva selbst nicht benutzen.

Läuft das auch auf älteren Rechnern?

Der Hersteller gibt an, dass die Anwendung auch auf Mittelklasse-Rechnern flott läuft und von einer eigenen Grafikkarte profitiert. Für Layout und Vektor reicht ein normaler Bürorechner, bei großen Bilddateien nicht.

Lohnt sich der Umstieg für uns als Agentur?

Wir arbeiten weiter mit dem Werkzeug, das zum jeweiligen Kunden passt, und liefern Druckdaten als PDF. Für Kunden, die ihre Flyer künftig selbst anpassen wollen, ist die kostenlose Fassung ein gutes Argument, weil daran keine laufenden Kosten hängen. Wenn du Grafikarbeiten bei uns machen lässt und die offenen Dateien haben möchtest, sprich uns vorher darauf an, dann legen wir sie passend an.

Quellen

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